Artikel epd

Am Mittwoch, den 19.Februar besuchte uns Journalist Daniel Staffen-Quandt um uns zu interviewen und einen Artikel für die Presseagentur epd zu verfassen. Mit freundlicher Genehmigung des Evangelischen Pressedienstes epd, www.epd-bayern.de, dürfen wir ihn hier abdrucken:

 

Lebensbringer vor dem Aus - Deutsche Hebammen dürfen nicht ohne
Versicherung arbeiten, versichern aber will sie keiner mehr 
Von Daniel Staffen-Quandt (epd)

Normalerweise bringen Hebammen Leben auf die Welt - jetzt kämpft ihr
Berufsstand selbst ums Überleben. Denn keine Police will die
Geburtshelferinnen mehr versichern. Die Hebammen fordern deshalb eine
politische Lösung - ehe ihr Beruf ausstirbt.

Würzburg (epd). Für Stefanie Körner ist es nicht nur ein Beruf, es
ist auch Berufung. Die Würzburger Hebamme arbeitet bis zu 70 Stunden
pro Woche. Sie liebt ihren Job - sie braucht aber auch das Geld. Denn
das Dasein als freiberufliche Hebamme ist teuer. Die Haftpflicht für
Hebammen, die Geburtshilfe zu Hause oder in einem Geburtshaus
leisten, kostet im Jahr etwa 5.100 Euro. Das müssen Hebammen, die im
Schnitt 8,50 Euro pro Stunde verdienen, erst mal verdienen. «Ich
frage mich: wie lange kann ich mir das noch leisten?», sagt Körner.
Doch damit nicht genug: Künftig wollen die Versicherer den Hebammen
gar keine Policen mehr anbieten. Die Haftpflichtversicherungen für
Hebammen steigen zum 1. Juli 2015 aus dem Geschäft aus, wie der
Deutsche Hebammenverband mitteilte.

   Hebamme Körner hat zusammen mit mehreren Kolleginnen erst vor rund
zwei Jahren in Würzburg ein eigenes Geburtshaus eröffnet - für
Frauen, die ihre Kinder nicht in einer Klinik zur Welt bringen
möchten. Viel Geld ist in die liebevoll eingerichtete Wohnung
geflossen, schon wenige Monate nach der Eröffnung war die Einrichtung
quasi ausgebucht. Vergangenen Sommer gab es sogar eine Warteliste für
schwangere Frauen, die dort entbinden wollten. Vor einigen Wochen hat
Katharina Kachelmann ihre zweite Tochter Emma hier zur Welt gebracht:
«Der Unterschied zur Klinik ist, dass man alle, die bei der Geburt
dabei sind, vorher kennenlernt.»

   Da Hebammen ohne Haftpflicht-Police nicht arbeiten dürfen, kommt
der angekündigte Ausstieg der Nürnberger Versicherung für
freiberufliche Geburtshelferinnen einem Arbeitsverbot gleich. Körners
Kollegin Kathrin Fleischmann ist von der Entwicklung nicht überrascht
- und sie hat sogar Verständnis dafür: «Rein wirtschaftlich ist das
Risiko, eine Hebamme zu versichern, nicht mehr darstellbar.» Seit
Jahren steigen die Prämien für die Policen. 2004 waren es rund 1.350
Euro pro Jahr, dieses Jahr ist es vier Mal so viel. Der Anstieg hat
viele Gründe - der wichtigste aber seien Regressforderungen von
Krankenkassen und Rentenversicherung.

   Denn kommt ein Kind wegen Geburtskomplikationen schwerbehindert
zur Welt, können die Kosten für die Therapien sowie die
Erwerbsunfähigkeit schnell in die Millionen gehen. Stefanie Körner
findet es richtig, dass Eltern und Kinder Ansprüche auf solche
Unterstützung haben. Aber die inzwischen von den
Sozialversicherungsträgern eingeforderten Summen seien für eine eher
kleine Berufsgruppe wie die Hebammen einfach nicht versicherbar.

   Deshalb müsse nun die Politik handeln, findet Fleischmann: «Wir
müssen die Summen deckeln, die unsere Haftpflicht leisten muss.»
Außerdem brauche es einen staatlich finanzierten Haftungs-Fonds.

   Von den Entwicklungen sind aber nicht nur freiberufliche Hebammen
betroffen, die Hausgeburten anbieten oder ein Geburtshaus betreiben.
In vielen kleinen Kliniken arbeiten freiberufliche Beleghebammen -
auch die stehen ab Mitte 2015 ohne Haftpflicht da, wenn sich nichts
bewegt. Und selbst die an Krankenhäusern fest angestellten Hebammen
haben manchmal ein Problem, denn die Klinik-Versicherer decken
mögliche Forderungen oft nicht ausreichend ab. «Es gibt Hebammen, die
deswegen schon in die Insolvenz mussten», sagt Körner. Und ohne
Haftpflicht gibt es auch keine Vorsorge und Wochenbettbetreuung zu
Hause durch Hebammen mehr.

   Bei all dem Gerede über Geburtsfehler und teure Folgebehandlungen
werde eines vollkommen vergessen, betont Hebamme Stefanie Körner: In
der außerklinischen Geburtshilfe, wie sie im Geburtshaus angeboten
wird, kämen solche Fehler seltener vor als in Krankenhäusern. Die
Arbeit von Hebammen spare dem Gesundheitssystem sogar Geld, ist
Körner überzeugt: «Wir leisten doch vor allem Präventionsarbeit. Wir
begleiten die Frauen kontinuierlich vor, während und nach der
Geburt.» Daher würden mögliche Komplikationen frühzeitig erkannt und
teure medizinische Folgebehandlungen durch Hebammen abgewendet.

   Für diese Ganzheitlichkeit der Arbeit von Hebammen fehle heute
leider oft die Wertschätzung, findet Körners Kollegin Bettina Moritz.
Die Betreuung schwangerer Frauen sei inzwischen in mehrere
Einzelteile aufgesplittet: Vorsorge beim Gynäkologen, Entbindung in
der Klinik, Wochenbettbetreuung im besten Fall von einer Hebamme.
«Dabei wollen wir, will unsere Berufsgruppe der erste Ansprechpartner
für alles rund ums Thema Schwangerschaft, Geburt und Familie sein.»

   Insofern habe die aktuelle Debatte auch etwas Gutes, findet
Moritz: «Jetzt wird darüber diskutiert, was unser Berufsstand der
Gesellschaft wert ist.» Offenbar eine Menge: Eine Online-Petition für
die Hebammen findet derzeit rasanten Zuspruch.

   Für Julia Steinbauer ist die ganze Entwicklung schockierend. Knapp
drei Wochen ist es her, dass sie im Würzburger Geburtshaus, in einem
kleinen Zimmer mit rustikalem Holzbett und Badewanne, ihre Tochter
Mathilda zur Welt gebracht hat. Ein Krankenhaus wäre für sie nicht
infrage gekommen, sagt sie. «Dieses Individuelle, das Persönliche,
das kriegt man von Hebammen in einer Klinik mit Schichtbetrieb
nicht». Wenn solche Möglichkeiten für Geburten entfielen, sagt sie,
«wäre es kein Wunder, wenn noch weniger Kinder zur Welt kommen».

epd lbm cez

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